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Unter Modifikation
versteht man eine Veränderung im Phänotyp eines Lebewesens,
die durch wechselnde Umweltbedingungen hervorgerufen wird. Damit
beschäftigt sich die quantitative Genetik. Dabei versucht man
die Änderung der Merkmalsverteilung einer Population zu quantifizieren.
Kontinuierliche phänotypische Variation ist normalerweise auf
polygene Merkmale zurückzuführen. Dabei gibt es eine Beeinflussung
durch die Umwelt, die den Phänotyp jedes Individuums ändert.
In Abb. 92 sind
die Faktoren, die zur Modifikation beitragen dargestellt.
Umweltfaktoren wie
- Lichtangebot
- Tageslänge (z.B. Kurztagspflanzen)
- Wasser
- Dünger
- Temperatur
- Nahrungsangebot
- Konkurrenz
- Krankheit usw.

führen zur phänotypischen Variabilität.
Der Genotyp wird dabei nicht verändert. Können
viele Übergangsformen an Phänotypen entstehen spricht
man von fließender
Modifikation.
Ein Beispiel sind die Körpergrößen verschiedener
Lebenwesen. (siehe hier) Klassische Beispiele
sind Pflanzen wie der Löwenzahn, der je nach Standort seinen
Phänotyp verändert (anpaßt).
Betrachten wir zwei Inzuchtlinien mit Ausprägungsformen,
die Extreme einer phänotypischen Verteilung darstellen: hoher
und niedriger Ölgehalt eines Korns oder lange und kurze Pflanzen.
Wir nehmen an, beide Pflanzentypen sind homozygot in allen beteiligten
Genen. Unter diesen Bedingungen ist die phänotypische Varianz
innerhalb des Pflanzentyps vollkommen umweltabhängig. Dagegen
wird die Varianz zwischen beiden Gruppen hauptsächlich durch
Gene bestimmt. Kreuzen wir nun ein Individuum der "hohen oder
langen" Gruppe (Gene ABCD) mit einem Individuum der "niedrigen/kurzen"
Gruppe (Gene abcd) erhalten wir F1 Hybriden (Gene ABCD/abcd), die
intermediär sind. (Verteilung)

Wir stellen fest, daß sich alle Individuen
der F1 phänotypisch voneinander unterscheiden obwohl sie genotypisch
identisch sind. Wir würden dann die phänotypische Varianz
einer Umweltkomponente Ve
zuschreiben. Man bezeichnet das Muster an Phänotypen, das unter
wechselnden Umweltbedingungen durch einen bestimmten Genotyp hervorgerufen
wird als Reaktionsnorm.
Links ist die Korrelation zwischen Pflanzengröße und
der Temperatur dargestellt. Unser Beispiel
zeigt, daß die Reaktionsnorm bei tiefen Temperaturen stark
variiert, im Gegensatz zu hohen Temperaturen. Dies bedeutet daß
sich bei tiefen Temperaturen die Phänotypen stärker unterscheiden
als bei hohen.
Die Reaktionsnorm kann sehr begrenzt sein, so daß ein Genotyp
nur einen spezifischen Phänotyp produziert, wie z. B. bei AB0-Blutgruppensystem.
Es gibt aber auch einen große Bandbreite der Reaktionsnorm
bei anderen Korrelationen. Die Anzahl der Blutzellen eines Individuums
variiert stark je nach Umwelteinflüssen wie Meereshöhe,
körperliche Aktivität, oder Infektion. Am breitesten ist
sie bei polygenen Merkmalen inklusive dem Verhalten.
Kreuzen wir nun die F1 untereinander, erhalten
wir eine F2-Verteilung mit breiterer Varianz. Wegen der unabhängigen
Neukombination der Gene schließen wir daraus, daß jeder
F2-Hybrid einen eigenen polygenen Genotyp hat. Daraus resultiert,
daß die gesamte phänotypische Varianz in der F2 eine
genetische Komponente Vg und
eine Umweltkomponente (Vu)
hat, vereinfacht:
VP = Vg + Vu.
Links ist die Körpergröße der weiblichen
rosa Lachse aus Auke Creek,
Alaska verzeichnet. Man erkennt, daß die mittlere Größe
ca. 49 cm ist innerhalb einer
Normalverteilung. Zunächst ist die Körpergröße
polygen bedingt, ist aber
weiter vom Nahrungsangebot
und der Konkurrenz abhängig.

Woher wissen wir, daß ein Phänotyp
durch Gene bestimmt wird?
Gene bestimmen die Entwicklungsprozesse, die die Grundlage jeden
Merkmals bilden. Zum Beispiel hängen die anatomischen Strukturen,
die den Menschen zur Sprache befähigen von der Entwicklung
des Gehirns, der Stimmbänder, des Mundes und der Zungenstruktur
ab. Diese stehen unter genetischer Kontrolle. Jedoch die Variation
der Sprachen ist fast ausschließlich umgebungsabhängig.
In kontrollierten Populationen kann man relativ leicht profunde
Aussagen machen, in "wilden" Populationen inklusive der
des Menschen, ist es oft unmöglich.
Nachfolgend eine kurze Betrachtung
der statistischen Berechnung der Varianz und damit zusammenhängender
Größen.
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Berechnung des Mittelwertes
im Beispiel oben Körperlänge Rosa
Lachs:
Mittelwert
(cm)= (10x44)+(45x46)+(75x48)+68x50)+(30x52)=11070/228 = 48,6
cm
Varianz:
Die Varianz ist ein Maß dafür, wie stark die untersuchten
Individuen voneinander abweichen. Wenn die Varianz klein ist
ergibt sich eine schmale Kurve, großer Varianz eine
breitere Kurve.
Die Varianz
ist definiert durch V
= SUM (xi - x)2 / (n - 1)
wobei x der Mittelwert ist, xi das individuelle
Maß, und n-1 die Gesamtzahl der Messungen -1.
Varianz:
(44-48,6)2+(46-48,6)2+(48-48,6)2+(50-48,6)2+(52-48,6)2
= 41,8/227 =0,184
Die Standardabweichung ist als Quadratwurzel
der Varianz V definiert.
In einer Normalverteilung (der üblichen symmetrischen
Verteilung bei zufälligen Ereignissen), fallen 68% aller
Punkte innerhalb einer Standardabweichung des Mittelwerts
und 95% fallen innerhalb 1.96 der Standardabweichung.
Standardabweichung:
Quadratwurzel Varianz
= 0,429
Eine Aussage über den Umweltanteil im
obigen Beispiel läßt sich erst berechnen, wenn
einen Korrelation mit einem Umweltfaktor vorliegt.
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Den genetischen Anteil der phänotypischen
Varianz kann man wie folgt berechnen:
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h2
= Vg/Vu
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- wobei Vg die additiv,
genetische Komponente ist ( bestimmt durch unterschiedliche
Genexpression homozygoter Allele)
- Vu ist die die
phänotypische Varianz
- h2 ist die Erblichkeit
(Werte von 0 - 1; 1 = nur genetischer Einfluß)
- der Rest stammt von Umwelteinflüssen
- Merkmale, die stark resourcen-gebunden sind, sind empfindlich
für umweltbedingte Varianz d.h. die Vererbbarkeit dieser
Merkmale ist gering (z.B. Fruchtbarkeit und Lebensverlauf)
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| Die Erblichkeit
h2 ist
beim Lachs-Beispiel für die Körperlänge (Männchen)=
0,85, Weibchen 0,27; für die Fruchtbarkeit der Weibchen
= 0,84 |
Mit Hilfe dieser Methoden kann in der quantitativen
Genetik versucht werden, für die phänotypische Varianz
die Größe des genetischen Einflusses und des Umwelteinflüsse
zu bestimmen. Um exakte Werte zu erhalten, muß man eine genetisch
homogene Population betrachten, also z. B.
- ein Klon (Zwillinge, Mehrlinge)
- eine reine Inzuchtlinie
- die F1- Kreuzung zwischen zwei reinen Inzuchtlinien
Dort gibt es keine genetische Varianz. Die beobachtete
phänotypische Varianz = Umwelt-Varianz. Mit VP
= Vg + Vu kann man nun Vg bestimmen.
| Hier
kann man die genetische und Umwelt Varianz bei Merkmalen simulieren. |

In Abb. 95 sind
die phänotypische Verteilungsfunktionen dreier Genotypen in
einer Population zu sehen, die das Verhalten beeinflussen. (aa:Aa:AA)
Sich ändernde Umwelteinflüsse tragen zur Varianz bei jedem
Phänotyp bei. Das Verhältnis der Genotypen aa : Aa : AA
= 1 : 2 : 3.
Untersucht man eineiige und zweieiige Zwillinge
und vergleicht den Phänotyp, ergibt sich folgendes:
- Eineiige Zwillinge besitzen dieselben Gene und dasselbe Umfeld.
- Zweieiige Zwillinge besitzen 1/2 der Gene und der Umwelt.
- Man untersucht und vergleicht Merkmale.
- Ergibt sich eine starke Korrelation zwischen zweieiigen und
eineigen Zwillingen ist der Umwelteinfluß stärker.
- Erhält man eine stärkere Korrelation zwischen eineiigen
Zwillingen ist der genetische Einfluß stärker.

Eineiige Zwillinge
(gehen Sie mit der Maus auf
das Bild links um mehr zu sehen)
In Studien mit über 16,000 Zwillingspaaren
hat man z. B. herausgefunden, daß die Übereinstimmungsrate
für Alkoholismus unter eineiigen Zwillingen höher ist
als bei Zweieiigen. (Loehlin, 1972; Hrubec und Omenn, 1981; und
Pickens et al., 1991). Die Übereinstimmungsraten für Alkoholismus
bei eineiigen Zwillingen zeigen, daß bei Zwillingen Umweltfaktoren
zusätzlich zu genetischen Faktoren den Alkoholismus beeinflussen.
(Tabakoff und Hoffman, 1988).
(Die Übereinstimmungsrate ist die Rate eines Merkmals bei einem
Zwilling, mit der sich das Merkmal auch im anderen Zwilling zeigt.)
Die Erkenntnisse der quantitativen Genetik mit
der Möglichkeit, Einflüsse der Gene und der Umwelt zu
bestimmen sind für die Tiermast und Pflanzenzucht extrem wertvoll.
Zum Beispiel in der Viehzucht
ist es wichtig, das Ausmaß der Erblichkeit von Merkmalen zu
kennen. Je höher die Erblichkeit, desto größer die
genetische Kontrolle auf das Merkmal, das man dann um so schneller
durch Selektion optimieren kann. Im Allgemeinen sind Merkmale, die
den Ertrag betreffen nur schwach vererblich. Der Fett- und Proteinanteil,
die Statur und Größe besitzen einen höheren Anteil
Erblichkeit. Auch die reproduktive Effizienz ist eher niedriger
in der Erblichkeit. Die Resistenz gegen Mastitis hat eine Erblichkeit
von ca. .10. D. h.: die Genetik ist für eine 10%ige Varianz
in der Fähigkeit der Kuh verantwortlich gegen eine Mastitis
Infektion resistent zu sein und Umweltfaktoren kontrollieren 90%.
Eine andere Form der Beeinflussung des Phänotyps
durch Umweltfaktoren findet man bei der Pigmentsynthese bei bestimmten
Tieren und Pflanzen.
Beim Himalaya-Kaninchen
und der Siamkatze und deren
Verwandte kennt man je nach Außentemperatur unterschiedliche
Phänotypen. Bei beiden Arten sind die Körperstellen mit
niedriger Körpertemperatur dunkel gefärbt (Extremitäten),
die mit höherer Temperatur hell.
Die Pigmentsynthese ist temperaturabhängig.
Das Allel am Albino-Genort sorgt für ein temperaturempfindliches
Enzym.
Denselben Effekt kennt man von der chinesischen
Primel (Primula sinensis). Bei
35 °C ist sie weißblühend, bei 25°C rotblühend.
Wiederum ist die Ursache ein temperaturempfindliches Enzym für
die Farbstoffsynthese.
Man nennt diese Form der Modifikation umschlagende
Modifikation, da es keine Zwischenformen gibt.
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Abb. 92
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Umweltfaktoren bei Modifikation
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Abb. 93
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Modifikation Löwenzahn
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Abb. 94
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Korrelation Pflanzengröße - Temperatur
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Abb. 94
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Variation Körperlänge
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Abb. 95
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Varianz Genotypen
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Abb. 96
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Eineiige Zwillinge
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Abb. 97
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Viehzucht
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Abb. 98
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temperaturabhängige Pigmentsynthese
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Himalaya-Kaninchen

Siam-Katze
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