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Die 3. Mendelsche Regel lautet:
Die Vererbung eines Anlagenpaars
ist unabhängig von der Vererbung anderer Anlagenpaare.
Heute wissen wir, daß das nur unter folgenden Bedingungen
gilt:
- Die Gene sind auf unterschiedlichen
Chromosomen oder
- Die Gene liegen
auf einem Chromosom, sind aber weit auseinander.
Mendel hatte Glück, daß alle Genpaare,
die er studierte diese Bedingungen erfüllten. Die Tabelle unten
zeigt die Lage auf den entsprechenden Chromosomen der von Mendel studierten
Gene.
Obwohl alle diese Gene unabhängige
Vererbung zeigen, liegen drei davon auf dem Chromosom 4 und zwei
auf Chromosom 1. Jedoch ist der Abstand
der auf demselben Chromosom liegenden Gene ausreichend groß
und sie werden vererbt, als lägen sie auf verschiedenen Chromosomen.
| Erbfaktor |
Phänotyp |
Allele |
Chromosom |
| Samenform |
rund
- runzelig |
R-r |
7 |
| Samenfarbe |
gelb
- grün |
I-i |
1 |
| Schotenfarbe |
grün
- gelb |
Gp-gp |
5 |
| Schotenform |
glatt
- runzelig |
V-v |
4 |
| Blütenfarbe |
violett
- weiß |
A-a |
1 |
| Blütenposition |
axial-terminal |
Fa-fa |
4 |
| Pflanzengröße |
groß
- klein |
Le-le |
4 |
Schon kurz nach der Wiederentdeckung der Mendelschen
Regeln berichteten 1905 William Bateson
und Reginald Crundall Punnett
über Kopplung und Genwechselwirkung als neue genetische Prinzipien.
Später konnte dies bei vielen Organismen nachgewiesen werden
u. a. von T.H. Morgan bei
Drosophila. Damit war klar, daß auch die 2. Mendelsche Regel
nicht bei allen dihybriden Erbgängen gilt.
In vielen Fällen zeigen zwei Allele eines Eltern eine starke
Tendenz, zusammen vererbt zu werden. Dieses Phänomen wird Genkopplung
genannt.
2.3.1 Kopplungsgruppe,
lineare Anordnung der Gene
Wir wollen nun einige Erbgänge mit gekoppelten
Genen analysieren.
Beispiel 1
Kreuzung homozygoter, süßer Erbsen violettblühend/lange
Pollen und rotblühend/kurze Pollen (Bateson & Punnett)
-
Erbgang:
dihybride Kreuzung, dominant- rezessiv
-
Merkmale:
Blütenfarbe, Pollenform
-
Allele:
violett-/rotblühend (P,p)
und lange/kurze Pollen (L,l)
|
P
|
PPLL
|
X
|
ppll
|
violett blühend/lange Pollen x rotblühend/kurze
Pollen
|
|
Gameten
|
PL
|
|
pl
|
|
|
F1
|
PpLl
|
X
|
PpLl
|
uniform violettblühend, lange Pollen
= 1. Mendel -Regel
|
|
Gameten
|
PL,Pl,pL,pl
|
|
PL,Pl,pL,pl
|
Erwartung in der F2: 9
P_L_ : 3 pp L_ : 3
P_ ll : 1 pp ll
|
Das Ergebnis in der F2
sah wie folgt aus:
|
Phänotyp
|
beobachtet
|
erwartet
|
Das Ergebnis widerspricht der 2. und 3. Mendelschen Regel!
Beobachtung: P und L bzw. p
und l werden oft zusammen vererbt; sind gekoppelt!
|
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violett, lang
|
284 (=13)
|
215 (=9)
|
|
violett, kurz
|
21(=1)
|
71 (=3)
|
|
rot, lang
|
21 (=1)
|
71 (=3)
|
|
rot, kurz
|
55 (=5)
|
24 (=1)
|
|
Summe
|
381
|
381
|
Ein ähnliches Ergebnis erhielt T.H.
Morgan 1913 mit Drosophila-Mutanten.
Er war derjenige, der die Fruchtfliege in die Genetik einführte.
Wir wollen bei diesem Beispiel eine neue Schreibweise einführen:
z.B. pr+pr vg+vg.
Dabei bedeutet pr+
das dominante Merkmal des Wildtyps, pr das rezessive Merkmal des
Mutanten.
Beispiel 2 (interaktiv)
Kreuzung homozygoter Fliegen mit roten Augen
und normalen Flügeln (Wildtyp) (pr+pr+ vg+vg+) mit Mutanten,
die violette Augen und verkümmerten Flügel hatten (prpr
vgvg) (Morgan)
-
Erbgang:
dihybride Kreuzung, dominant- rezessiv
-
Merkmale:
Augenfarbe, Flügelform
-
Allele:
Rot-/violette Augen(pr+, pr) und normale/verkümmerte Flügel
(vg+,vg)
|
P
|
|
X
|
|
rote Augen/normale Flügel x violette
Augen/verkümmerte Flügel

|
|
Genotyp
|
pr+pr+
vg+vg+
|
|
prpr vgvg
|
|
|
Gameten
|
pr+ vg+
|
|
pr vg
|
|
|
F1
|
|
uniform rote Augen/normale Flügel
= 1. Mendelsche Regel

|
|
Genotyp
|
pr+pr
vg+vg
|
|
Nun führte Morgan ein Rückkreuzung
eines F1-Weibchens mit dem rezessiven männlichen Elter durch.
|
P
|
|
X
|
|
rote Augen/normale Flügel
x violette Augen/verkümmerte Flügel
|
|
Genotyp
|
pr+pr vg+vg
|
|
prpr vgvg
|
Erwartung:
1 pr+pr- vg+vg-: 1
pr+pr- vg-vg-: 1 pr-pr-
vg+vg-: 1 pr-pr- vg-vg-
|
|
Gameten
|
pr+ vg+, pr+vg, prvg+, prvg
|
|
pr vg
|
|
F1Phänotyp
|
|
|
|
|
|
Genotyp
|
|
pr+pr vg+vg
|
pr+pr vgvg
|
prpr vg+vg
|
prpr vgvg
|
|
Ergebnis
|
|
1339
|
151
|
154
|
1195
|
|
Aufspaltung
|
|
7,9
|
1
|
1,2
|
7,0
|
|
|
|
|
|
Anstatt der es erwarteten Aufspaltungsverhältnisses
von 1: 1: 1: 1 erhielt er ein ungerades Ergebnis. Morgan folgerte,
daß pr/vg bzw. pr+/vg+ gekoppelt vererbt werden und daß
die Rekombination die Kopplung aufhebt.
Wie die Genkarten zeigen, müssen in der Meiose
der Weibchen durch Crossingover die Gene rekombiniert ( = ausgetauscht)
worden sein.
Die Ursache dieses von der Spaltungsregel abweichenden Ergebnisses
ist also Crossingover in der Meiose I, bei dem im Tetradenstadium
ein Chromatidstückaustausch stattfindet.
Morgan führte eine weitere Kreuzung
zur Bestätigung aus, wobei er Fliegen mit roten Augen/verkümmerten
Flügeln (pr+pr+ vgvg)
mit violetten Augen/normalen
Flügeln (prpr vg+vg+)
kreuzte. Bei dieser Kreuzung befindet sich ein dominantes Allel
auf demselben Chromosom wie das rezessive. (Im Gegensatz zur 1.
Testkreuzung) Auch bei dieser Rückkreuzung erhielt er nicht
das erwartete Ergebnis von 1:1:1:1 sondern:
|
Austausch
|
Kopplung
|
Kopplung
|
Austausch
|
|
1,07
|
6,6
|
7,3
|
1
|
 |
Führen
Sie zur Übung die obige Testkreuzung durch und analysieren
Sie die Genotypen und Gameten! |
Aus vielen dieser
Experimente folgerte Morgan, daß
- Die Gene linear
auf den Chromosomen angeordnet sein müssen.
- Je weiter Gene auseinanderliegen, desto wahrscheinlicher
muß ein Austausch (Crossingover) sein; je näher sie
zusammenliegen, desto unwahrscheinlicher ist es.
- Die Austauschhäufigkeiten
stellen deshalb ein Maß für
die Lage der Gene dar. Dadurch kann man Genkarten
erstellen.
Allgemein nennt man alle Gene eines Chromosoms
eine Kopplungsgruppe. Der Mensch mit
seinen 23 +1 Chromosomen hätte demnach 24 Kopplungsgruppen.
Je näher zwei Gene zusammenliegen, desto eher
werden Sie wie die der Eltern (ohne Crossingover) vererbt. Wir können
diese Aussage quantifizieren, indem wir die Austauschhäufigkeit
theta (q)
definieren:
q = (Anzahl der rekombinanten Gene
auf dem Chromosom) / (Gesamtzahl der Gene des Chromosoms).
Theta
muß im Bereich 0 bis 0.5 liegen. Ein Wert von 0 bedeutet,
die Gene liegen so nahe zusammen, daß nie Crossingover geschieht,
ein Wert von 0.5 bedeutet, daß die Gene nicht gekoppelt sind.
(Das Maximum 0.5 und nicht 1 kommt daher, daß Crossingover
nach der DNA-Replikation stattfindet und beinhaltet nur 1 Chromatid
pro Chromosom.) Im Fall des Beispiels 2 oben ist die Austauschhäufigkeit
zwischen den violetten und verkümmerten Genen q
= (151+154) / (1339+151+154+1195) = 0.107.
Bei einem Crossingover findet bei der Hälfte
der Gameten kein Austausch statt. Deshalb kann q
nie > 0.5 sein, selbst wenn in jeder Meiose Crossingover geschieht.
Da Gene linear auf der DNA angeordnet sind, können wir mit Hilfe
der Austauschhäufigkeiten die relativen Genabstände berechnen.
Eine relative Abstandseinheit einer solchen Genkarte entspricht 1%
Rekombination (Crossingover) und wird ein centiMorgan
(cM) zu Ehren von Thomas Hunt Morgan genannt.
Damit liegen das violette (pr+) und verkümmerte Gen (vg+) aus
obigem Beispiel 10.7 cM voneinander entfernt. Zur weiteren Erläuterung
von Genkarten wollen wir ein Beispiel beim Mais betrachten.
-
Erbgang:
dihybride Kreuzung, dominant- rezessiv
-
Merkmale:
Kornfarbe, Kornform
-
Allele:
Gelb/farblos(C,
c) und glatt/geschrumpft (Sh,sh)
|
P
|
CCShSh
|
X
|
ccshsh
|
gelb/glatt x farblos/geschrumpft
|
|
Gameten
|
CSh
|
|
csh
|
|
|
F1
|
CcShsh
|
X
|
ccshsh
|
uniform gelb/glatt = 1. Mendel -Regel
|
|
Gameten
|
CSh,Csh,cSh,csh
|
|
csh
|
Erwartung in der F2:
1 CShcsh : 1 Cshcsh :
1 cShcsh : 1
ccshsh
|
Die Rückkreuzung mit dem rezessivem Elter
ergab nicht die erwartete Aufspaltung 1:1:1:1 sondern:
|
Phänotyp
|
Genotyp
|
beobachtet
|
Das Ergebnis widerspricht der 2. und 3.
Mendelschen Regel!
Beobachtung:
C und Sh
bzw. c und sh werden
oft zusammen vererbt; sind gekoppelt!
C und Sh
sind 3,6 cM entfernt!
|
|
gelb/glatt
|
CcShsh
|
48%
|
|
gelb/geschr.
|
Cshcsh
|
1,8%
|
|
farblos/glatt
|
cShcsh
|
1,8%
|
|
farblos/geschr.
|
ccshsh
|
48%
|
| |
|
|
Möchte man weitere Gene des Chromosoms wie
z.B das Gen Bz kartieren,
muß man eine Dreipunkt-Analyse
durchführen, d.h. zwischen allen zu kartierenden Genen Kreuzungen
durchführen. Kreuzt man Mais der dihybrid für C,c
ist mit Mais der für bronzene Kornfarbe Bz,bz
dihybrid ist erhält man 5% Rekombinanten.

Die Genorte C
und Bz sind also 5 cM auseinander,
allerdings weiß man nicht, ob nach der einen oder anderen
Seite (siehe Bild oben). Deshalb muß man eine Kreuzung mit
Shsh und Bzbz
durchführen. Ergibt sich eine Austauschhäufigkeit von
weniger als 5%, liegt Bz auf derselben Seite wie C und Sh. Tatsächlich
ist die Austauschhäufigkeit knapp 2%. Dadurch ergibt sich eine
Genreihenfolge von C - Sh - Bz.
Man nennt Genorte, die mehrere Allele aufweisen
polymorph, solche, die ein Allel
aufweisen monomorph. Zwischen den
Genen können auch Mehrfachcrossingover
auftreten. Alle geradzahligen Crossingover sorgen für die Herstellung
der Original-Allelkombination.
Neben der Genkarte mit relativen Genabständen,
kennt man heute durch die Gentechnologie und Sequenzierung der Genome
Genkarten mit physikalischen Genabständen. Man konstruiert
diese z.B. auch mit Hilfe von
- Hybridzellen aus Mäusen und Menschen oder
mit Hilfe von
- Fluoreszenzfarbstoffen (FISH)
oder radioaktiven Markern, die an bestimmte Stellen der DNA binden
oder durch (siehe links FISH)
- Untersuchung einzelner Metaphasen-Chromosomen
aus Zellen mit Hilfe elektronischer Hochgeschwindigkeitssortierer.
Ist ein Gen nachweisbar, muß es auf diesem Chromosom liegen.
In Abb. 34 ist die Genkarte des Chromosom 9 von
Mais mit den relativen Genabständen in cM und die Genkarte
des menschlichen X-Chromosoms.(r)

Beispiele für moderne Genkarten findet man
nachfolgend. In Abb. 35 ist eine
physikalische Genkarte von E.coli mit einigen Genen und rechts die
Genkarte der mitochondrialen DNA einer Rinderzelle.


Mehr Infos über das menschliche Genom findet
man hier.
Im National Center for Biotechnology Information NCBI ist alle derzeit
verfügbare Information über die Genome der Organismen
zusammengestellt. (NCBI)
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